„Wir sind das Volk“?

Jedem, der in irgend einer Weise in sozialen Medien aktiv ist, wird heute ein kurzes Video aus dem sächsischen Clausnitz begegnet sein, das ursprünglich von einer Anti-Asylseite gepostet, später (so habe ich davon erfahren) von Jan Böhmermann geteilt wurde.

Mit dem Anblick dieser Menschen, die sich vor einem Bus ankommender Flüchtlinge zusammenrotten und lauthals „Wir sind das Volk“ brüllen, habe ich einen neuen Punkt der Ratlosigkeit erreicht.

In der Vergangenheit habe ich mich auf meine Weise für diese hilfesuchenden Menschen eingesetzt: Schnell habe ich nämlich erkannt, dass große Vorbehalte und Ängste bei vielen meiner einheimischen Mitmenschen vorherrscht. So gut es ging habe ich versucht, in meiner Familie, unter Freunden und im Arbeitsumfeld diese oberflächlichen Vorbehalte abzubauen und Mut anzuregen, sich mit den Asylbewerbern zu beschäftigen, Kontakte zu knüpfen und in der offensichtlichen Not tätig zu werden. Dabei bin ich natürlich auch immer wieder auf taube Ohren gestoßen, die trotz allen gutgemeinten Worten immer wieder alte Vorurteile und „Die haben Markenklamotten“-Argumente brachten. Trotzdem konnte ich irgendwie gut damit leben, da ich den Eindruck hatte, in meinem direkten Umfeld eine einigermaßen offene Gesellschaft zu wähnen, die sich allen Problemen, die diese sog. Flüchtlingswelle mit sich bringt, stellt anstatt nur zu meckern.

Dann kam heute aber dieses Video. Oft schon habe ich Videos von Pegida-Umzügen gesehen, habe sehr fragwürdige Reden von AfD-Politikern gelesen und von den schockierenden Brandanschlägen an Asylheimen erfahren. Aber nach diesem Video konnte ich nur noch in Tränen ausbrechen. Ich fühle mich machtlos und schmutzig. Ich schäme mich für das, was dort passiert ist. Ich kann nicht glauben, dass ein Ausruf wie „Wir sind das Volk“, der in Zeiten der Spaltung als Ruf zur Einheit, zur Brüderlichkeit und Gerechtigkeit diente, heute als aggressiver Kampfruf gegen hilfesuchende Menschen missbraucht wird. Ich habe einen dicken Kloß im Hals, und kann mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren. Ich kann eigentlich nur noch beten und Gott bitten, den hilfesuchenden Menschen beizustehen, und gleichzeitig den Angsterfüllten ihre Ängste zu nehmen.

Ich habe Deutschland immer für eines der fortschrittlichsten und offensten Länder dieser Welt gehalten. Nach den Ereignissen der letzten Monate bin ich mir dessen immer unsicherer. Dabei könnte ich viele Gründe aufzählen, von Pegida-Demonstranten über rassistischen Faschingsumzugswagen bis hin zu peinlichen Keilereien zwischen unseren Politikern, insbesondere gegenüber unserer Bundeskanzlerin, der ich immer noch so viel Achtung gegenüber bringe wie nie zuvor.

Ich bin überzeugt, dass sich unser Leben hier in Deutschland verändern wird. In den letzten Jahrzehnten haben wir die Geschehnisse auf der Welt mit einem halbinteressierten Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Aha, ein Krieg, irgendwo da unten. Aha, eine Krise, irgendwo wo ich nicht betroffen bin, usw. Solange es nicht vor unserer Haustür passierte, war es ja nicht unser Problem. Plötzlich steht aber jemand vor unserer Haustür. Ich bin überzeugt, dass sich unser Leben verändern wird – wir müssen raus aus der gemütlichen Komfortzone des Wohlstands, müssen uns echten Problemen stellen – und das ist vielleicht auch gut so!

Wir müssen vielleicht langsam erkennen, dass wir Teil einer Welt sind. „Wir sind das Volk“ – der Welt.

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