Auf großer Pilgerfahrt

…war ich nun wirklich nicht. Wie weit kommt man schon in vier Tagen? So könnte ich jetzt sagen. Tu ich aber nicht, denn der Weg, den wir vor kurzem hinter uns gebracht haben, war genau richtig. Es folgt ein äußerst umfassender Bericht, voller Wehklagen und Verwirrung. Seid also gewarnt, bevor ihr weiterlest – ihr werdet hier viel Zeit verbringen 😉

Letzte Woche begab ich mich nach Eichstätt, gemeinsam mit meinem ehemaligen Studienkollegen, Popcornguygefährten, Freund und Förderer auf dem Jakobsweg zu wandern. Unser Ziel hieß Kloster Weltenburg bei Kelheim. Spitzfindige Leute werden jetzt sofort bemerken, dass dies ja die entgegengesetzte Richtung ist, wir uns also vom allgemeinen Ziel des Jakobsweges, Santiago de Compostela wegbewegten. Warum machen wir das? Nun, keine Ahnung. Vermutlich, weil wir den Jakobsweg in Eichstätt kennen, und Weltenburg uns als schönes Ziel erschien.
Nachdem ich mich an besagtem Tage durch ein gewaltiges Verkehrschaos in Ingolstadt kämpfte, landete ich mit leichter Verspätung in Eichstätt, wo mich der Dude und Platzregen erwartete. Aufgrund der Witterungsverhältnisse entschieden wir uns – mit unserer ersten noch recht kurzen Etappe – den Regen abzuwarten und erst später abzumarschieren. Gesagt, getan: Mein Regenmantel wurde nur kurz in Anspruch genommen, und hängte für den Rest der Reise nutzlos an meinem Rucksack. Die ersten Schritte noch stramm, voller Erwartung gingen wir unserem Ziel im Nebel entgegen, gespannt darauf, was uns diese Reise eigentlich einbringen würde. Im schönen Pfünz wurden wir von einem alten Studienkollegen, Bier und Wurstsemmeln begrüßt. Wir wünschten uns später, dass mehr Pausen so aussehen sollten.

Weiter gings über Wald und Wiesen unserem ersten Etappenziel entgegen. Die angenehme Temperatur und der wolkenbehangene Himmel machten uns das Vorankommen leicht, auch als wir vom Weg abkamen und uns im Wald verliefen. Es sollte nicht das letzte Mal sein.
Als wir den Wald hinter uns ließen, erblickten wir vor uns das Dörfchen Hofstetten. In der netten Dorfkirche und dem Gasthaus, in dem wir nächtigten, verbrachten wir den Rest des Abends. Immer noch voller Erwartung stiegen wir am nächsten Tag aus den Betten. Langsam kristallisierte sich unser erstes Problem: Unsere Vorräte neigten sich dem Ende zu. Da es laut der Wirtin in Hofstetten „gar nichts“ gibt, von einem Frisör, Schuhladen und Gärtnerei abgesehen, zogen wir unverrichteter Dinge durch den Nebel weiter. Denn einen Haarschnitt oder neue Schuhe brauchten wir nicht. Und Blumen schon gar nicht.

Wir irrten zurück auf den Jakobsweg und gen Böhmfeld. Der Sage nach hat einst Hubertus Hofstetten in einer gigantischen Schlacht auf dem Schafsberg seinen Erzfeind, Barnabas Böhmfeld besiegt. Seitdem besteht eine Fehde zwischen den Dörfern, weshalb wir uns fest schworen, in Böhmfeld nicht zu erwähnen, wo wir herkamen, weil man uns dann vielleicht am Dorfplatz an den Pranger pranger stellen würden. Da am sagenumwobenen Schafsberg immer noch der Geist von Barnabas Böhmfeld herumspuken und die Schafe erschrecken soll, meideten wir diesen Weg und zogen stattdessen durch das Katzental, wo wir überlegten arglose Fahradfahrer zu überfallen.
Wir hatten uns mal wieder verlaufen, bzw. den Jakobsweg verlassen, und stolperten auf diversen Forstwegen herum. Allzu freundliche Böhmfelder, denen wir zufällig begegneten, loteten uns in die richtige Richtung, wobei wir das stetige Gefühl nicht loswurden, in eine Falle zu laufen.
Wider erwarten erreichten wir Böhmfeld unbeschadet. Dort machten wir sogar den hießigen Bäcker ausfindig und rasteten. Bei der Gelegenheit besuchten wir auch die schöne Böhmfelder Kirche.
Abermals im Begriff, uns völlig zu verlaufen, zogen wir weiter nach Stammham. Unser fester Entschluss, auf alle Anzeichen des Jakobsweges zu achten, die ja eigentlich vollkommen sichtbar und in Vielzahl vorhanden sind, verflog bald in alle Winde. Irgendwie bekamen wir das nicht so hin, den Muscheln zu folgen, und so erreichten wir etwas gestresst und unter der sich anbahnenden Hitze Stammham. Dort besuchten wir abermals ein schönes Kirchlein, eine äußerst luxuriöse Unterkunft, einen Supermarkt und den Biergarten eines super-coolen Lokals. Da unsere Bleibe über einen Fernseher verfügte, konnten wir als Filimfans es natürlich nicht lassen, unsere Abendgestaltung mit einem richtig guten Film zu versehen, der zufällig im TV lief.

Als wir am nächsten Morgen gegen 8 Uhr auszogen, die Welt zu erobern, stimmte uns etwas ein bisschen unglücklich: Es hatte schon um diese Uhrzeit eine nicht geringe Temperatur, welche sich steigern sollte und den Tag zu einem der heißesten des Jahres machen sollte. Da wir ja eh keine andere Wahl hatten, zogen wir also unter der Last der sich anbahnenden Hitze gen Wald. In den vergangenen Tagen hatten wir bereits viele Erfahrungen mit diversen Verirrungen gemacht, und so überprüften wir immer wieder die Karte des Wegstücks, welches gepflastert war mit unzähligen kleinen Wegen, die uns in die Tiefen des Urwaldes führen würden. Als wir vor diesem dunklem Monstrum standen, und wir beobachteten, wie eine Joggerin und ihr Hund in dem finsteren Schlund des Gehölzes einzogen, und nie wieder entkommen sollten, waren wir uns sicher, vor dem Düsterwald zu stehen. Wir schworen uns, niemals den Weg zu verlassen, sollten noch so viele Elben zwischen den Bäumen herumtanzen.
Erstaunlicherweise verlief dieses Stück des Weges vollkommen reibungslos. Dies lag einerseits an der ausgezeichneten Ausschilderung, als auch an den gestalterischen Elementen, welche von den hießigen Bewohnern am Rand des Jakobsweges angebracht wurden. Dazu gehören z.B. ein Stück Drahtgeflecht, in welchem Botschaften für die Jakobswanderer stecken, bzw. in welchem die Wanderer selbst Botschaften hinterlassen können. Oder aber ein kleines Pyramidenfeld, an welchem die Wanderer selbst mitbauen, Bitten und Dankesworte äußern und sich verewigen können.
Zwar entpuppte sich der Wald als kühle Umgebung, doch die treibende Hitze machte uns weiter zu schaffen. Wir erreichten das kleine Dörfchen Bettbrunn, wo wir uns zuerst an den Biergarten wandten, und dann gestärkt die wunderschöne Wallfahrtskirche besuchten. Frohen Mutes brachen wir zu unserem nächsten Ziel auf. Der sank aber rasch wieder, nachdem wir nur zäh vorankamen. Die sommerlichen 34° taten ihr übriges. Dennoch gaben wir nicht auf, konnten den Wald bald hinter uns lassen und wanderten übers freie Feld, wo uns die Sonne direkt auf die Birne knallen konnte. Super.
Wir machten einen Abstecher nach Oberoffenbach, wo die örtliche Kirche eine Jakobusfigur beherbert – nice! Mit unserem Ziel vor Augen taumelten wir dem nächsten Dorf entgegen. Unsere Wasservorräte neigten sich wieder einmal dem Ende zu, deshalb suchten wir das Dorf mit heraushängender Zunge ab. Da wir zudem mal wieder den Weg verloren hatten, gingen wir auf einen harmlosen Bewohner los, und zwangen ihn, uns den Weg zu verraten. Dieser Dude stellt sich als sehr nett heraus, bot uns einen Platz in seinem Schuppen an, wo er mit seinen Kumpels Fußball guckt, und öffnete mit einem Lächeln für uns seinen Kühlschrank voller Getränke.
Frisch gestärkt und über die neusten Entwicklungen in der Bundesliga ausgestattet, machten wir uns wieder auf den Weg. Wir fanden den Jakobsweg nicht, hatten aber trotzdem die Hoffnung, unserem Ziel näher zu kommen. Nachdem wir eine stark befahrene Straße überqueren mussten, versuchten wir unseren Weg über eine wildes Wiese abzukürzen. Aufgrund unserer Verzweiflung vergaßen wir sogar unseren letzten, wichtigsten Grundsatz. Als wir uns in einem Brennesselfeld wiederfanden, bereuten wir diesen Regelverstoß. Über Umwege kamen wir auf den geliebten Jakobsweg zurück, der uns über Trampelpfade durch den unwegsamen Wald gen Altmannsstein führte. Deutlich mit unseren Kräften kämpfend zogen wir dort ein, wo wir erschöpft in unserer Privatunterkunft ankamen. Unsere Herbergswirtin stellte sich als freundliche Jakobspilgerin heraus, die von ihrem Zuhause aus den kompletten Weg nach Santiago etappenweise gegangen war. Da auf dem ostbayerischen Jakobsweg nicht so viele Pilger unterwegs sind, war es schön hier auf eine erfahrene Pilgerin zu treffen, die uns mit allerlei Erzählungen, Weisheiten und Tipps ausstattete. Ohne Zweifel verbrachten wir bei ihr den schönsten Abend unserer Reise.

Am nächsten Morgen traten wir zwar gestärkt, doch mit Bangen die letzte Etappe an. An diesem Tag sollte uns nicht nur ein sehr weiter Weg bevorstehen, sondern auch der heißeste Tag. Zudem führte unser Pfad größtenteils über freie Felder, die uns kaum Schutz vor der gelben Fratze boten. Gut gelaunt zogen wir dennoch los und brachten das erste Stück Weg wirklich gut hinter uns. Und dann passierte es: Wer verliefen uns. Nun, inzwischen war das ja nichts neues mehr, und wir führten es bis dato auf unsere geringen Kenntnisse übers Kartenlesen bzw. auf unsere Unachtsamkeit im Umgang mit den Wegweisern zurück. Aber diesesmal war es einfach unmöglich. Wir verloren den Weg zwei Mal hintereinander, ohne dass wir bis heute verstehen können, wie dies geschehen konnte. Unser Verdacht, dass der Verfasser unseres Büchleins sich einen Schabernack erlaubte, erhärtete sich zusehends. Von 35° geplagt stolperten wir über Wege und hatten keine Ahnung, wo wir uns befanden. Unser stetiges Verirrt-sein erreichte hier den endgültigen Höhepunkt. An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön an die netten Radfahrer, die uns die falsche Richtung geschickt haben. Danke, echt super.
Irgendwo kamen wir schließlich doch heraus, bemerkten unseren Umweg, regten uns mords auf, aber machten uns doch auf den Weg gen Weltenburg. Unter der glühenden Sonne sinkte unsere Hoffnung, das Kloster jemals zu erreichen, und wir konnten uns bereits lebhaft ausmalen, wie wir irgendwo zwischen Maisfeldern qualvoll verenden. Sobald wir jedoch die Donau erreichten, bekamen wir neuen Mut. Auch wenn wir ständig gegen den Drang, einfach in das kühle Nass zu springen, ankämpfen mussten, nahmen wir doch das letzte Stück Weges auf uns. Mit den wirklich allerletzten Kräften schleppten wir uns Weltenburg entgegen. Wieder einmal war unser erstes Ziel der Biergarten, wo wir von Manny Bianco bedient wurden. Erst nach ausreichender Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme regenrierten sich unsere geplagten Körper langsam wieder.
Nach dem Besuch der wunderschönen Klosterkirche, die jedoch ein etwas fragwürdiges Gemälde über die Entdeckung Amerikas behergt, fuhren wir mit der Fähre nach Kelheim. Wir hatten wirklich keine Kraft mehr, weiterzulaufen. Wirklich nicht. Dort angekommen fanden wir glücklicherweise einen Bus, der uns – trotz eines etwas verwirrten Busfahrers – die 5km zum Bahnhof von Saal a.d. Donau brachte, von dem wir aus zurück nach Eichstätt fuhren.
Tja, und dort endet die Reise. Den letzten kleinen Fußmarsch zu unseren Autos nahmen wir nun gern als Abschluss hin, wo wir die letzten Tage noch einem Reveue passieren ließen, und über den Sinn und Zweck dieser Reise sprachen.

Spätestens als ich in der Nacht zu Hause ankam und in mein Bett fiel, war mir klar: All das war es wert. So anstrengend es teilweise auch war, so schön war es auch. Es war genial, so viele Orte zu sehen, die so viel Geschichten erzählen können. Es war toll Menschen zu treffen, die uns stets freundlich und interessiert begegneten. Es war interessant, seine eigenen Grenzen kennezulernen, und diese auch sehr zu strapazieren. Es war genial, mit dem besten Dude unterwegs zu sein, und diese Reise mit ihm zu teilen: An dieser Stelle ein riesen Dankeschön an Dich!
Es war schlicht und einfach gut, diese Strecke von ca. 80km (Umwege eingerechnet) zu gehen. Es wird definitifv nicht meine letzte Pilgerfahrt sein, denn schon als wir unterwegs waren, überlegten wir uns weitere Ziele. Ich kann derartiges grundsätzlich jedem empfehlen – ob er nun eine große Portion Glauben mitbringt oder nicht – unterwegs zu sein, Zielen entgegen gehen, das ist eine Sache, die jedem Menschen sehr viel gibt.

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4 Gedanken zu “Auf großer Pilgerfahrt

  1. Sehr schön – Respekt für diese Laufleistung in 4 Tagen :).

    Ein kleiner ItemTip für’s nächste Mal => 🙂

    Lg Sheba

  2. Pingback: Back to topic |

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