Rezension #9: Storm Corrosion

Es geht weiter auf ungewöhnlichen Pfaden in seltsame Gefilde der Musik. Diesmal ist Storm Corrosion mit dem gleichnamigen Debütalbum dran. Bevor ich mich der CD selbst zuwende, möchte ich etwas zur Entstehungsgeschichte sagen:

Storm Corrosion besteht hauptsächlich aus Steven Wilson (Frontmann von Porcupine Tree und Mikael Akerfeldt (Frontmann von Opeth). Dass diese musikalischen Genies eines Tages zusammenarbeiten werden, stand sozusagen fest in den Sternen geschrieben. Endlich war es also soweit, als Ende 2011 das Projekt vorgestellt und das erste Album angekündigt wurde. „Super“, dachte ich mir damals. Mehr war erstmal nicht zu hören, und damit war ich auch zufrieden. Dann aber kamen unzählige Schnipsel von Interviews der Beiden, Berichte über die Zusammenarbeit, Rezensionen der CD (vor der Veröffentlichung) und schließlich sogar Screenshots aus dem ersten Musikvideo. Ich weiß nicht aus welchen Gründen die Promo so gehandhabt wurde, aber ich empfand es irgendwann als äußerst mühselig, ständig kleine Krümel zu bekommen, anstatt einfach mal was handfestes. Ich hätte mich weitaus mehr über einen Albumtrailer oder einen kurzen Dokuausschnitt aus dem Studio gefreut, als über die große Flut von Berichten. Sorry Jungs.

So, nun aber zum eigentlichen Thema. Wer Porcupine Tree und Opeth kennt, hat ja vielleicht eine ungefähre Vorstellung, wie Storm Corrosion klingen könnte. Genau, einfach genial. Bevor wir uns aber der Musik zuwenden, erstmal zur Aufmachung der CD:

Das Cover ziert ein Bild von Hans Arnold aus dem Jahre 1969. Eine Menge äußerst grotesker Erscheinungen, dicht zusammengedrängt und offenbar von Panik befallen. Soviel zu meiner künstlerischen Beurteilung. Innen (Special Edition mit bluray) finden sich seltsam bearbeitete Bilder der beiden Künstler, sowie ein kleines Booklet mit weiteren Portraits ernst schauender Wilsons und Akerfeldts.
Als ernst lässt sich wohl auch die Grundstimmung des Albums beschreiben. Ernst, atmosphärisch, unheimlich, unbehaglich, negativ, verwirrend, grotesk.
Sehen wir uns die einzelnen Lieder an:

1. Drag Ropes erschien als erster Song in Form eines Musikvideos. Abgesehen davon, dass das Video künstlerisch sicher gelungen ist, macht auch das Lied einiges her. Es beginnt mit derart unheimlicher Stimmung, das man sich beim erklingen Akerfeldts schöner, weicher Stimme zahlreiche Nackenhaare erheben. Der grausige Anfang geht bald über in verträumten, dennoch unheimlichen Sound, der sich steigert bis er in einen kurzen a capella-Part übergeht, der flasht, und mündet in einen Part, der zwangsläufig den eigenen Puls erhöht. Auch wenn Streicher etwas Ruhe schaffen – den eigentümlichen Horror behält dieser Song durchweg bei.

2. Storm Corrosion beginnt mit leisen Flötentönen und schnell gezupften Akkorden. Schmeckt wie Sommermorgen. Wilsons Stimme tut sein übriges, wohltuende Atmosphäre zu schaffen. Die hohen, sanften Streicher und angenehme Percussions ergänzen perfekt, bis der Song in seiner Mitte einen leichten Schlenker vollführt. Langsam schleichen sich ungewöhnliche Töne ein. Raue, unangenehme Geräusche trüben das Bild. Plötzlich wird aus der schönen Ballade der Soundtrack eines Horrorfilms.

3. Der Titel Hag klingt etwas, als habe sich Steven Wilson einen Track von Opeths „Damnation“ ausgeliehen. Zunächst enthält der Songs die typischen Streicher-Sounds und die sanften Gitarren, bis er im letzten Drittel urplötzlich verwaschenes Schlagzeugspiel einstreut, und in ein langsam fliessendes Outro einstimmt.

4. Happy klingt nicht sehr happy. Eher überirdisch und düster. Akustikgitarren, befremdliche Synthiesounds, wiederum ein eigentlich leichtes, ruhiges Lied. Dennoch schwere Kost.

5. Lock Howl steigt ein mit einem lang gezogenen Keyboardsound, der von pulsierenden Akustikgitarren ergänzt wird. Jetzt kommt also mal richtig Leben in die Bude. Streicher tun mal wieder ihr übriges, dem ganzen ein schönes Klangbett zu geben. In der Mitte des Songs ein plötzlicher Bruch: Wildes rumgeklatsche und unheimliche Keyboardsounds brechen den Fluss und vermitteln abermals das Gefühl eines Horrorsoundtracks.

6. Ljudet Innan  ist der (knapp) längste und letzte Song des Albums. Man führt den Hörer sanft in ein Traumland, wo er angenehmen, leichten Rythmen, engelsgleichen Stimmen und wunderschönen Gitarrensoli lauschen darf.

Hm, nun habe ich die Lieder mal grob beschrieben. Wer sich das erste Mal durch das Album hört, könnte entweder verstört oder enttäuscht sein. Verstört, weil er noch nie solche Musik gehört hat, enttäuscht, weil er von diesem Duo etwas anderes erwartet hat. Ich persönlich konnte vor Erscheinen von „Storm Corrosion“ eigentlich gar nicht sagen, was ich mir erhoffte. Ich vertraute den beiden ganz einfach, da sie in ihren Bands exzellente Arbeit leisten, und sowohl Porcupine Tree als auch Opeth ohne diese Musiker nicht das wären, was sie sind.
Zugegeben, auch ich muss mit dieser musikalischen Reise erst noch fertig werden. Grundsätzlich lobe ich mir den vielfachen Einsatz von Klavier, Streichern, Flöten und Percussion (übrigens vom großartigen Gavin Harrison eingespielt).  Dennoch kommen mir manche Lieder etwas zu minimalistisch vor … möglicherweise wird sich ihr gesamter Gehalt auch erst nach intensiverem Hören entfalten. Ich bereue den Kauf zumindest nicht, und freue mich jetzt schon auf die 5.1-Version (zu welcher ich noch keine Zeit gefunden hab).
Grundsätzlich empfehle ich dieses Album Fans der Bands, oder Liebhabern atmosphärischer Soundtracks.  Man sollte offen sein für neuartige Klänge, aber auch nicht zu viel erwarten. Und man sollte richtigen Zeitpunkt und richtige Stimmung wählen:  Ich werd das Album eher nicht zum Bügeln und Kochen anhören.

Steven Wilson und Mikael Akerfeldt haben etwas wirklich gutes geschaffen. Ob dieses Projekt auf lange Sicht zu meinen Lieblingen zählen wird, bleibt noch offen. Aber vorerst bin ich tief beeindruckt.

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EDIT:

Inzwischen habe ich auch die blu-ray ausgiebig genossen. Der 5.1-Mix ist von höchster Qualität und bietet diesem Album den nötigen Raum, seinen vollen Gehalt zu entfalten. Zudem gibts auf der Scheibe noch eine Bildergalerie, mit weiteren Potraits des Duos. Im Gegensatz zu den Fotos im Booklet sieht man die beiden hier nicht nur streng in die Kamera blickend, sondern beim lockeren Gespräch, beim LP´s hören, musizieren und beim Verspeisen von Hot-Dogs und Hamburgern. Nice.

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2 Gedanken zu “Rezension #9: Storm Corrosion

    1. Danke 🙂
      Ich denk aber für sowas müsste mein eigener musikalischer Horizont etwas größer sein. Weiß nicht ob ich Musik, die mir nicht so zusagt, auch entsprechend bewerten könnt.

      An sich machts mir aber schon viel Spaß, meinen Senf zu Alben abzugeben 🙂

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