Rezension #7: Ephraim Kishon: Der seekranke Walfisch

„Der seekranke Walfisch“oder: „Ein Israeli auf Reisen“

heißt das Buch, welches ich heute vorstellen möchte. Ich bin mir nicht mehr sicher, wie es in meinen Besitz gelang. Vor circa 10 Jahren muss ich es wohl das erste Mal gelesen haben. Mit diesem Werk eröffnete sich mir eine Literaturgattung, welche mir bis dato noch nicht bekannt war: Satire.

Ja, ich bin mir sicher dass ich bei keinem anderen Buch so viel gelacht habe. Situationen und Umschreibungen, die ich damals einfach irrsinnig komisch fand, richten heute meinen Blick auf gesellschaftliche Problematiken, die mir damals natürlich nicht bewusst waren. Darüber hinaus ist das 1965 erschienene Buch des israelischen Schriftstellers Epraim Kishon voll Freude zu lesen. Da eine Erklärung ohnehin nicht genügen würde, werde ich einfach einige Zeilen aus dem ersten Kapitel des Buches zitieren:

Auslandsreisen sind ein beliebter Zeitvertreib in aller Welt. In Israel istder Zeitvertreib zur Besessenheit ausgeartet. Das hat viele Gründe. VOr allem ist es in unserem Land sehr heiß, beinahe so heiß wie in New York an einem milden Frühlingstag, also unerträglich heiß. Oft hat man das Gefühl, kein Mensch mehr zu sein, sondern eine ausgedörrte Pflaume. Ein israelisches Sprichwort lautet: „Wenn du deinem Paßbild ähnlich zu sehen beginnst, ist es höchste Zeit wegzufahren.“ Die Israelis besitzen größeren Anspruch auf Auslandsreisen als irgendein andres Volk, schon deshalb, weil sie zum überwiegenden Teil nicht im Lande geboren wurden, sondern es mehr oder weniger freiwillig zu ihrem Heimatland erkoren haben. Daher ist es nur natürlich, wenn sie von Zeit zu Zeit das Bedürfnis überkommt, ihr Herkunftsland wiederzusehen, Vergleiche zu ziehen und festzustellen, ob sie eine weise Wahl getroffen haben. Außerdem gibt es in unserem Miniaturstaat keinen Winkel mehr, den wir nicht kennen. Wenn ein wagemutiger Pläneschmieder ankündigt, daß er morgen das ganze Land der Länge und Breite nach durchforschen wird, entgegnet man ihm beinahe mechianisch: „Und was machen Sie am Nachmittag?“
Als Hauptgrund für die unbezähmbare Reiselust der Israelis muß jedoch die Tatsache angesehen werden, daß die Regierung dagegen ist.
Diese offizielle Haltung wurzelt in einer Reihe von Erwägungen sowohl spiritueller wie praktischer Art. Erstens fragt der gesunde jüdische Menschenverstand: „Wozu überhaupt reisen? Wer braucht das? Hier ist es vielleicht nicht schön genug?“ Zweitens wird in der Bibel – die seltsamerweise immer auf seiten der Regierung steht – ausdrücklich mitgeteilt, daß Kain nach dem bekannten Zwischenfall mit seinem Bruder Abel von Gott dem Herrn mit dem Großen Touristen-Fluch belegt wurde: Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden … und drittens hält die Regierung das Reisen nur dann für wünschenswert, wenn es sich auf einer Einbahnstraße vollzieht, und zwar auf der nach Israel führenden. In jeder anderen Richtung ist es verwerflich. Die Regierung krümmt sich schon bei dem bloßen Gedanken, daß ein israelischer Bürger das bißchen Geld, das er im alttestamentarischen Schweiße seines Angesichts verdient hat, irgendwo anders ausgeben könnte, […]
Unter solchen Umständen ist es also kein Wunder, daß die Regierung jeden potentiellen Auslandsreisenden mit scheelem Blick betrachtet.
„Also ins Ausland wollen Sie fahren“, brummt sie mißmutig. „Nun ja. Warum nicht. Wir leben in einem freien Land. Wenn sie sich nicht genieren, das auszunützen, dann fahren sie eben. Und dann knöpfen wir Ihnen eine so hohe Ausreisegebühr ab, daß Sie ihr letztes Hemd verkaufen müssen, um zu sie zu bezahlen.“
Damit beginnt, kaum daß die Reisesaison einsetzt, das Unternehmen „Letztes Hemd“. Zahllose Israelis beteiligen sich daran, während Geheimagenten der hintergangenen Regierung alle Fremdenverkehrsgebiete des Erdballs überwachen und Warnungen für die Verräter aus Israel zurücklassen.

Soviel der erste Eindruck zum Reisebericht. Auf ihrer Weltreise besuchen Kishon und „die beste Ehefrau von allen“ Griechenland, Italien, die Schweiz, Frankreich, England und Amerika. Da diese Besuche nicht nur auf überspitzt beschriebenen Begegnungen mit den Einheimischen und deren Eigenheiten, sondern auch auf Besichtigungen bekannter, wunderschöner Stätten, die oftmals gar nicht so schön sind, basieren, ist jedes einzelne Reiseziel ein Spaß an sich. Ob es sich um die vergebliche Suche nach amtlich angekündigten Schmetterlingen auf Rhodos handelt, um die Witzlosigkeit eines Schweizer Hoteliers, dem beinahe eingetretenen Hungertod des Autors bei dem Versuch, französisch zu essen oder einer abenteuerlichen Reise quer durch Italien, um an eine ihm aufgenötigte Fahrpreisermäßigung des italienischen Reisebüros zu kommen.

Kishon versteht es, die Schönheiten und Macken der Länder und deren Bewohner in urkomische Situationen zu zwängen, welche beim Leser unweigerlich Schmunzler bis ausgiebige Lachkrämpfe auslösen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s